Infocenter

Aus dem Alltag

Fabian Lotz, Universitätsklinikum Marburg

Mein Tag auf der Intensivstation beginnt um 7:30 Uhr. An erster Stelle steht die Übergabe: Die Kollegin der Nachtschicht übergibt mir, zu Beginn der heutigen Frühschicht, alle wichtigen Infos. Diese Übergabe ist genau auf 30 Minuten bemessen – mal ist sie genauer, mal ist sie hektischer.

ein Foto von Fabian Lotz

Ich bin Assistent in der Pneumologie am Uniklinikum in Marburg und habe aktuell etwas mehr als zwei Jahre Berufserfahrung. In unserer Klinik ist die Intensivstation aufgrund des Schichtdienstes der größte Personalfresser, sodass man recht früh auf die Intensivstation rotiert. Das Arbeiten dort gefällt mir persönlich sehr. Als ich vor einem Jahr auf der Intensivstation anfing zu arbeiten, erschreckte mich die extreme Menge an Informationen, welche man in einer halben Stunde aufnehmen soll, zunächst. Man muss sich blitzschnell alles Mögliche merken – zur Anamnese, zum aktuellen Stand der Behandlung, Laborwerte, Organisatorisches. Mittlerweile fällt mir das schon deutlich leichter.

Das Team

Nach der Übergabe geht um 8 Uhr die Visite los mit allen im Haus befindlichen Oberärzten und unserem Chef. Die Kollegin der Nachtschicht verabschiedet sich und wir visitieren die Patienten. Nach einer kürzeren oder längeren Vorstellung wird das weitere Prozedere geplant oder wir besprechen beispielsweise CT-Bilder. Ungefähr um 9 Uhr beginnt der „eigentliche Tag“: Ich plane mit den Kollegen alle an diesem Tag zu erledigenden Aufgaben wie CT-Fahrten, Anlage von Zugängen, Verlegungen, Angehörigengespräche. Auf einer Intensivstation gibt es feste Strukturen und Standards, man arbeitet in einem großen Team, die Pflegekräfte sind eng in viele ärztliche Aufgaben eingebunden.

Gerade bei meinem Einstieg in diese Arbeit war ich über jeden Rat der Pflegekräfte sehr dankbar. Die meisten haben jahrelange Erfahrung in der Intensivmedizin.

Morgens wird der grobe Tagesablauf geplant, dann versucht man ihn umzusetzen. Aber wie überall im Krankenhaus hält sich die Realität selten an Planungen: Die Notaufnahme meldet sich und möchte einen Patienten aus dem Schockraum verlegen, andere Abteilungen fragen an, ob man eine Patientin postoperativ übernehmen kann, der Zustand eines Patienten wird schlechter und man muss sich lange mit ihm beschäftigen.

 

Rotation: Vom Schlaflabor zur Intensivstation

In unserer Klinik rotieren alle Assistenten durch verschiedene Disziplinen der Inneren und die Notaufnahme. Am meisten geprägt wird man aber sicherlich von der Heimatabteilung. Als Berufsanfänger startet man erst mal auf der Normalstation und im Schlaflabor. Im Schlaflabor kann man ohne großen medizinischen Druck die Logistik, die Abläufe und Verfahrensweisen mit Visiten und Aufnahme üben. Auf Normalstation haben die Patienten ernstere Erkrankungen als schlafbezogene Atmungsstörungen. In der Pneumologie ist der Durchschnittspatient ein über 50-jähriger (Ex-)Raucher mit COPD. Entsprechend ist das Tagesgeschäft geprägt von Staging bei LungenCA sowie der Behandlung von Exazerbationen von COPD/Asthma sowie Pneumonien. Natürlich sind das nicht die einzigen Probleme der Patienten; allgemein internistische, chronische und akute Krankheitsbilder kommen hinzu.

 

Auf der Intensivstation findet sich erneut ein anderes Patientenklientel. Das Spektrum an Krankheiten, welche einer intensivmedizinischen Überwachung bedürfen, ist recht groß. Einige Patienten sind nur kurz auf Station, beispielsweise von gastrointestinalen Blutungen Betroffene, psychiatrische Patienten, die Scherben oder Klingen geschluckt haben, und Patienten mit Intoxikationen. Andere wiederum sind über Wochen da. Meist ist der Aufnahmegrund für einen solchen Daueraufenthalt eine Sepsis. Das Sammelsurium an Vorerkrankungen oder eine maligne Grunderkrankung verlängern dann den Aufenthalt deutlich. Hochseptische Patienten binden in der Regel dann auch die meiste Arbeitskraft.

 

Die einzelnen Skills zum Bedienen der Geräte sowie die Anlage der verschiedenen Zugänge lernt man im Tagesgeschäft. Davon wird einiges recht schnell Routine, vieles wird aber immer eine besondere Situation bleiben. Wirklich lehrreich sind insbesondere die Nächte, in denen man alleine ist. Es gibt Nächte, die ich nie vergessen werde. Ich bin morgens wie verprügelt nach Hause gelaufen, nach einer Nacht mit vielen Aufnahmen, in der sich alles gegen mich verschworen zu haben schien, und gegen Morgen wurde noch ein Patient, der eigentlich seit Tagen fast normalstationsfähig war, plötzlich reanimationspflichtig. 

Solche Nächte beschäftigen einen teilweise noch lang, da sehr viel in sehr kurzer Zeit passiert. Im Nachhinein fragt man sich natürlich, ob man korrekt gehandelt hat oder einige Dinge eventuell früher hätte bemerken können. Manchmal ärgere ich mich, wenn ich etwas hätte schneller und früher machen können, gleichzeitig freue ich mich über das Gefühl, das Chaos der Nacht bezwungen zu haben.

Auf einer Intensivstation sterben Patienten. Viele sind nach langer Krankheit am Ende ihres Wegs angekommen. Sterbebegleitung gehört zur Intensivmedizin. Das kann sehr traurig sein, aber auch befriedigend, wenn man im Sinne der Patienten handelt. Die Arbeit als Internist im Uniklinikum kann hart sein. Zwölf Stunden in der Nacht der Notaufnahme als einziger Internist sind manchmal nervenaufreibend, ich muss aber zugeben, dass ich dadurch deutlich ruhiger in stressigen Situationen geworden bin.

 

Es gibt viele schöne Erlebnisse: Wenn Patienten tagelang an der Grenze zum Tode surfen und dann irgendwann wach werden und keinen bleibenden Schaden davongetragen haben. Wenn jemand drei Wochen lang intubiert und beatmet war und nach Extubation wieder zu sprechen beginnt. Oder wenn delirante Patienten hanebüchenen Schwachsinn erzählen. 

 

‚Langsamer‘ als Kardiologie – ‚schneller‘ als Onkologie

In der Pneumologie ist das Spektrum der behandelten Krankheiten recht breit: Insbesondere die Diagnostik von Krebserkrankungen sowie Infektiologie spielen eine große Rolle, neben der Behandlung von COPD und Asthma natürlich. Intensivmedizin, Schlafmedizin, Sportmedizin, Rehabilitationsmedizin sind Teile der Pneumologie.

 

Die Pneumologie mit anderen Abteilungen der Inneren Medizin zu vergleichen fällt mir schwer, da ich bis jetzt nur in die Notaufnahme rotierte. Mein Eindruck bisher ist, dass die verschiedenen Disziplinen der Inneren Medizin insbesondere unterschiedliche Geschwindigkeiten der Entscheidungsfindung haben. Es gibt Abteilungen, in denen kleinteiliger und weniger algorithmisch vorgegangen wird, und Abteilungen, in denen tendenziell schneller und nach Entscheidungsmodellen gehandelt wird. Die beiden Pole sind die Kardiologie (schnell) und die Onkologie (langsam). Dies heißt natürlich nicht, dass alle Patienten entweder schnell oder langsam behandelt werden, sondern dass der Durchschnittspatient schnell oder langsam eine Diagnose und Therapie bekommt.

 

Die Pneumologie ist meiner Meinung nach auf dieser Skala langsamer als die Kardiologie, aber noch recht schnell. Eine solche Einteilung ist natürlich nur eine allgemeine; im Speziellen gibt es immer Patienten, die einen Wochen und Monate beschäftigen. Ich bin mit meiner Entscheidung für die Pneumologie aktuell sehr zufrieden, insbesondere die pneumologisch geprägte Intensivmedizin fordert und motiviert mich.

 

Fabian Lotz ist Assistenzarzt am Universitätsklinikum Marburg, Bericht aus März 2019

 

Mirja Ramke, Charité – Universitätsmedizin Berlin

Konzentriert betrachtet Mirja Ramke durchs Mikroskop das Lungengewebe, das sie einige Tage zuvor mit Grippeviren und Lungenentzündung verursachenden Pneumokokken infiziert hat. Im Rahmen ihrer Facharztausbildung an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie der Charité Universitätsmedizin arbeitet sie derzeit für drei Monate im Labor. 

Als werdende Pneumologin an Europas größter Uniklinik

„Junior Clinical Scientist Grant“ heißt das Förderprogramm, bei dem Ärzte und Ärztinnen in Weiterbildung 20 % ihrer Zeit für wissenschaftliche Projekte freigestellt werden. Auch weil es diese Möglichkeit dort gibt, hat sich Mirja Ramke gezielt an der Berliner Uniklinik beworben. „Für mich war klar, dass ich neben der klinischen Tätigkeit weiterhin forschen möchte – und das Programm gibt mir dafür die nötigen Freiräume“, sagt die gebürtige Braunschweigerin, die vor ihrer Weiterbildung knapp drei Jahre an der Harvard Medical School in Boston in der Forschung tätig war.

 

Vor ihrer momentanen Forschungsauszeit war Mirja Ramke sechs Monate auf Rotation in der Nephrologie. Ihr erstes Jahr absolvierte sie auf einer Normalstation in der Klinik für Infektiologie und Pneumologie, deren Besonderheit darin besteht, dass dort größten-teils heimbeatmete Patienten betreut werden. Ramkes Arbeitstag beginnt um 8:00 Uhr mit der ärztlichen Frühbesprechung der gesamten pneumologischen Abteilung des Campus Charité Mitte. 15 bis 20 Minuten später sind die seit dem vorigen Nachmittag neu aufgenommenen Patienten von den diensthabenden Kollegen vorgestellt und auf die freien Betten verteilt. Danach erledigt Ramke die „Morgenroutine“ auf ihrer Station, nimmt Blut ab, organisiert notwendige Untersuchungen, bereitet Entlassungen vor.

 

Wichtig findet sie die anschließende Besprechung mit Pflegekräften und Atmungsthera-peuten, „die die Patienten ja häufiger sehen als wir Ärzte.“ Dann macht sich Mirja Ramke auf zur Visite, dort begegnet sie einem für sie ganz zentralen Aspekt des Jobs als werdende Pneumologin: sich schnell und mit der nötigen Empathie auf unterschiedliche zwischenmenschliche Situationen einzustellen. So freut sich im ersten Zimmer ein Patient über seine baldige Entlassung, während eine Tür weiter ein Kranker von seiner Krebsdiagnose erfährt und dementsprechend am Boden zerstört ist. 

Man muss immer wieder schwierige Gespräche führen. Das ist keine einfache Aufgabe, aber durch richtige Gesprächsführung kann ein vertrauensvolles Arzt-Patientenverhältnis aufgebaut werden.

Abwechslung ist normal

Auf ihrer 13-Betten-Station sieht sie das komplette Spektrum pneumologischer Erkrankungen, von Bronchialkarzinomen über akutes Asthma und exazerbierter COPD bis zu atmungsrelevanten Muskel- oder Nervenleiden und Lungenfibrosen. In den Diensten bekommt es die Jungärztin zudem mit Krankheiten zu tun, denen Kollegen in kleineren Krankenhäusern eher nicht begegnen – wie Tuberkulose, Dengue oder die mit HIV assoziierte Pneumocystis-Pneumonie. 

An der Uniklinik ist das Patientenklientel exotischer, vielfältiger und beinhaltet auch komplizierte Fälle. Das macht meine Arbeit besonders spannend und abwechslungsreich.

Dass mitunter Notfallsituationen vorkommen, etwa weil die Sauerstoffsättigung eines Beatmungspatienten plötzlich in den Keller rauscht, will sie keineswegs verschweigen. 
In solchen lebensbedrohlichen Notfällen gilt es sofort zu handeln und binnen kürzester Zeit die richtigen Entscheidungen zu treffen. „Das ist schon ein gewisser Druck, mit dem ich aber gut umgehen kann.“ Sicherheit gibt Mirja Ramke, dass sie jederzeit die Möglich-keit hat, einen erfahrenen Arzt hinzuzuziehen.

 

Lernen als fester Bestandteil des ärztlichen Alltags

Über das gut 80-köpfige Ärzteteam der Klinik für Infektiologie und Pneumologie spricht sie uneingeschränkt begeistert. „Ich habe wirklich tolle, kompetente, hilfsbereite, empathische Kolleginnen und Kollegen.“ Mit der Ausbildung ist Ramke ebenfalls hoch-zufrieden. Jeden Wochentag zwischen 14 Uhr und dem offiziellen Arbeitsende um halb fünf werden sämtliche Patienten auf ihrer Station aus-führlich mit dem Oberarzt durchgegangen. „Dabei lerne ich enorm viel“, sagt sie. Zudem gibt es für Ärzte in Weiter-bildung zweimal die Woche klinikinterne Fortbildungen, zum Beispiel von einem Radiologen, der Röntgen-, CT- und MRT-Aufnahmen der Lunge erklärt.

 

Wer nicht fragt, bekommt keine Antwort

Ein Pluspunkt der großen Abteilung, über den Mirja Ramke sich schon vorab beim Schnuppertag erkundigte, ist, dass sie nur dreimal im Monat 24-Stunden-Dienste hat – zwei in der Woche, einen am Wochenende. „Zwei Wochenenddienste wie an kleineren Häusern oft üblich, fände ich problematisch, weil dann zu wenig Zeit für private Dinge bleibt.“ 

 

Der lange Weg

Wie die meisten ihrer ärztlichen Kollegen in Weiterbildung will Ramke sowohl den Facharzt für Innere Medizin als auch für Pneumologie machen. Dass das acht Jahre dauert, schreckt sie nicht im Geringsten. Klar sei das eine lange Ausbildung, sagt sie. „Aber ich verdiene dabei gutes Geld, lerne ständig dazu und die Arbeit bereitet mir jeden Tag Freude.“ 

 

Mirja Ramkes ärztlicher Werdegang
  • Medizinstudium an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), Abschluss 2013
  • Promotion am Institut für  Virologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH)
  • 2013 – 2016 Forschungsaufenthalt in Boston
  • Seit 12/2016 Ärztin in Weiterbildung in der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie der Charité Universitätsmedizin Berlin